Back to Europe IV: Ein Fisch hat angebissen!

Aktuelle Position am 29.05.17 um 18:30 UTC. Noch 370 NM bis Horta/Azoren. Voraussichtlich Ankunftszeit 1. Juni 22:36

Bordbuch Bermuda zu den Azoren 23.5.2017 bis 28.5.2017

7. Tag, Dienstag, 23.5.2017

Elke: Auf dieser Strecke heißt es, ganz oder gar nicht. Sehr viel Wind oder kein Wind. Nach 24 Stunden Starkwind flaut der Wind urplötzlich auf 13-15 kn ab.  Nach einigen Nachtstunden bei angenehmen Winden legt sich der Wind und wir müssen heute wieder motoren. Könnte es nicht freundlicherweise einige Tage 15-19 kn halber Wind haben, damit wir auch mal Strecke machen? Wir sind allerdings froh, dass die Bedingungen wieder moderater sind, wir lüften, trocknen (erstaunlich, wo das Wasser unter Belastung überall durchkommt), putzen und räumen auf. Freitag soll der Wind wieder stärker werden, bis dahin betreiben wir Schiffsputz und holen Schlaf nach.

Heutiges Etmal: 124 nm. Wir kommen uns vor wie ein nicht sonderlich schneller Wasservogel (meine ursprüngliche Bezeichnung habe ich nach lautstarkem Protest von Markus abgeändert). Entweder motoren wir unter 5 kn oder der Wind ist zu stark oder zu schwach, um vernünftig zu segeln. Naja, irgendwann kommt auch das Entlein einmal an. Quack.

Eine Schule Delphine spielt um unser Boot herum, taucht durch die Bugwelle, springt vergnügt aus dem Wasser und surft über die Wellen. Es macht immer wieder Spaß, ihnen zuzugucken. Ansonsten sehen wir zwei Vögel, wahrscheinlich Seeschwalben.

Die Nacht verläuft ruhig. Ich höre mal wieder Musik unter dem sternenklaren Himmel. Unendlich viele Sterne, die bis zum Horizont reichen, weshalb ich des Öfteren einen tief stehenden Stern misstrauisch beäuge, ob es sich nicht um ein anderes Schiff ohne AIS handelt. Aber kalt ist es geworden.

8. Tag, Mittwoch, 24.5.2017

Elke: Oskar steht bereits um 06.00 Uhr auf, um diese Gerätschaft auszuhängen, mit der man schuppige Kaltblüter fangen kann. Nur der frühe A… fängt den  dicken F… – heute aber nicht.

Heutiges Etmal: 117 nm, ganz o.k. Nur noch 1000 nm bis Horta!

Ein sehr gemütlicher Tag. Wir motoren unter der Sonne und kleinen Passatwölkchen über die fast glatte See. Nach dem Bootsputz wird die Mannschaft geputzt. Ich schneide Markus und Oskar die Haare, Nestor ist morgen dran. Alle duschen, wegen des  Motorens sogar mit warmen Wasser, welch Luxus (warmes Wasser haben wir, wenn wir mit dem Motor fahren oder den Heißwasserboiler anstellen, letzteres geht allerdings nur mit Landstrom).
Morgen abend bis Freitag mittag soll es noch mal ungemütlich werden, 24 kn Wind mit Böen bis 32 kn. Mal schauen. Wir könnten schon Wind brauchen, bis Horta motoren können wir nicht. Heute haben wir wieder 70 l Diesel eingefüllt, aber die Menge ist endlich. Nach unserer Berechnung müsste aber alles passen. Ansonsten müssen die Kinder ins Dingi und rudern… 😉

Neumond. Alles dunkel, auch keine Sterne zu sehen. Wir kommen gut voran.

Markus: Seit Mitternacht segeln wir wieder ohne Motorunterstützung. Der Wind hat zugenommen auf 12 – 15 Knoten, genau von hinten. Der Sternenhimmel ist toll, allerdings ist es mir zu kalt, um lange draußen im Cockpit zu bleiben. Am Tag war es heute aber sonnig und angenehm warm. Ich lege mich während meiner Nachtwache aufs Salonsofa und beobachte die Instrumente über W-Lan auf dem Handy. Alle 30 – 60 Minuten strecke ich den Kopf aus dem Schiebeluk für einen Rundumblick. Noch ein wenig ausruhen kann nicht schaden, denn morgen Abend soll es wieder starken Wind = wenig Schlaf geben.

9. Tag, Donnerstag, 25.5.2017

Elke: Das Wetter hat seinen eigenen Kopf und schon Donnerstag vormittag frischt der Wind auf bis zu 26 kn. Hoffentlich ist das schlechte Wetter nur schneller als angesagt und nicht länger. Unverdrossen begeben wir uns ans Vatertagsfrühstück mit Toastbrot, Knäckebrot, Schwarzbrot und Rührei. Und feiern Bergfest! Noch 880 nm bis Horta, d.h. wir haben mehr als die Hälfte geschafft!

Heutiges Etmal: 132 nm. Nicht schlecht. Wir haben das gereffte Großsegel eingeholt und segeln nur noch mit der Genua. Dadurch liegen wir viel ruhiger. Es hat auch mal wieder ordentlich Wellen, obwohl im Maximum nur 3,4 m angesagt waren.

Oskar: Ich habe einen Fisch geangelt! Heute Vormittag lag ich mit Nestor vorne, als Papa plötzlich sagte: Hier ist sehr viel Druck auf der Leine. Ich glaube, da ist ein Fisch dran. Nachdem ich das gehört habe, hab ich schnell alle Sachen geholt und bin rausgesprintet. Papa hat die Leine eingeholt und dann haben wir gesehen, dass ein Fisch dran ist! Juhu! Als wir ihn dann beim Boot hatten, wollten wir ihn mit der Gaff hochholen, aber wir  haben den Haken nicht in den Fisch reingekriegt, also haben wir ihn so an der Leine hochgeholt. Dann haben wir gesehen, dass es ein schöner 5-7 kg Bigeye oder Albacore Tuna ist .  Papa hat ihn dann getötet und filetiert. Es hat viel geschaukelt und wir hatten viel Wind (in Böen bis zu 27 Knoten), deswegen konnten wir ihn nicht so gut filetieren. Als Köder habe ich einen schwarzen Tintenfisch mit roten Federn genommen, in dem der Haken gut versteckt war. Als Vorfach habe ich eine 2m lange, 1,6 Millimeter dicke Monofilament (Nylon) Schnur genommen.


Als wir uns gerade erholen wollten, haben wir einen schönen Wal aus dem Wasser springen sehen. Er ist noch ein paar mal gesprungen und ist dann wieder weggeschwommen.

Elke: Der Wal war wahrscheinlich ein Grindwal, ca. 5 m groß. Vielleicht auch ein junger Pottwal. Oskar freut sich über den Fischfang und wir sind alle stolz!  Heute Abend gibt es Thunfisch-Steak mit Reis. Wahrscheinlich waren die Stahlvorfächer zu sichtbar und haben die Fische abgeschreckt. Jetzt werden alle Köder umgerüstet auf Nylonvorfächer

Markus: Wir haben uns schon seit einigen Tagen ernsthafte Sorgen wegen eines lauten „Kong“ gemacht, das gelegentlich aus Richtung Ruder zu hören war. Nachdem es immer öfter „Kong“ machte, hatte ich alle Verbindungen an Ruder und Autopilot in unserem Technikraum überprüft. Da war alles in Ordnung. Aber ich wusste immer noch nicht, woher das Geräusch kam. Heute bei den wiederum großen Wellen wurde das Geräusch lauter und kam auch öfter. Ich glaube, ich habe die Stelle gefunden. Das Ruder ist einmal im Rumpf unten befestigt und zum zweiten im Rumpf oben, unter dem Cockpitboden. Dort ist eine Befestigungsschraube gebrochen und die anderen waren gelockert. Bei großen Wellen bewegte sich das Ruder in seiner Befestigung und machte das laute Geräusch. Ich habe alle Schrauben wieder befestigt und nun geht es. Allerdings scheint das Ruder insgesamt zu viel Spiel zu haben, hier muss durch die Beanspruchung der letzten Monate etwas ausgeschlagen/abgenutzt sein. Wir müssen das im Hafen überprüfen lassen, denn mit eine der unerfreulichsten Sachen für uns wäre ein defektes Ruder. Wir könnten nicht mehr steuern und wären manövrierunfähig, müssten uns wahrscheinlich vom Schiff abbergen lassen.
Direkt nach dieser Reparaturaktion biss an Oskars Angel der Thunfisch an und Papa durfte mit dem Messer die blutigeren Notwendigkeiten eines Fischfangs übernehmen….
Zu einem Vatertagsbierchen kam ich dann nicht mehr, da anschließend die Wellen und das Geschaukel so stark wurden, dass an Alkoholika nicht zu denken war. Wird im Hafen nachgeholt.
Elke: Zum Abendessen gibt es Oskars Thunfisch in Olivenöl mit Knoblauch und Limetten. Lecker!

10. Tag, Freitag, 26.5.2017

Elke: In der Nacht hat es noch ordentlich Wind mit Böen bis 28 kn. Beim Rundumblick draußen sehe ich nix. Der Wind pfeift im Rigg und es regnet. Ungemütlich! Wie schön, wieder in unsere helle und warme und trockene kleine Oase Diana zurückzukehren!
Der Tag beginnt trüb und ungemütlich. Die See ist grau, aufgewühlt und dicke graue Wolkenfetzen ziehen vorbei. Schnell wieder rein. Erst gegen Mittag lässt der Wind nach.
Heutiges Etmal: 119 nm.
Den restlichen Thunfisch verarbeiten wir zu Thunfischtartar. Auf Schwarzbrot – köstlich! Einen Tag nach dem Fang schmeckt der Thunfisch noch besser, anscheinend lässt man ihn am besten einen Tag (im Kühlschrank) ruhen.
Markus:  Für das Thunfischtartar hacken wir den rohen Thunfisch in
kleine Stückchen. Dann kommen sehr kleine Zwiebelchen, Senf und Olivenöl dazu. Einige Stunden durchziehen lassen und fertig. Rezept von Doris von der Hamaka, danke Doris, schmeckt super!
Elke: Nachdem Markus sich um das Ruder gekümmert hat, entfällt das nervende Kong, das uns ziemlich beunruhigt hat. Ein Ruderbruch wäre ein absolutes worst case-Szenario! Ich habe überhaupt keine Lust, uns von einem Frachter abbergen zu lassen und unser schönes Schiff zu verlieren. Wir haben für sehr viele Dinge an Bord Ersatz dabei (nach dem Prinzip: auf See nur redundante Systeme), aber nicht für das Ruder, obwohl ein Ruderbruch nicht ganz selten vorkommt. Und ob wir wirklich aus der Badezimmertür ein Ruder gebastelt bekämen, bezweifeln wir beide sehr. Es gibt Windsteueranlagen mit eigenem Ruder (z.B. Hydrovane), an die ich gerade sehnsüchtig denke. Aber anscheinend hat Markus des Pudels Kern gefunden und die Nerven beruhigen sich allmählich.
Da es hier ja niemals langweilig wird, schläft der Wind natürlich wieder schnell ganz ein. Nachdem wir einige Zeit mit den Segeln experimentiert haben, schmeißen wir wieder den Motor an. Die Batterien freuen sich.
Heute beißt kein Fisch an, aber wir haben noch genug und sind ganz zufrieden.

11. Tag, Samstag, 27.5.2017

Elke: Die Nachtwache unter Motor verläuft ereignislos und verhilft zu erholsamen 20 Min. Schläfchen. Ich stelle mir den Wecker auf alle halbe Stunde, checke dann den Plotter über WLan auf dem Handy (sehr praktisch!) (Windstärke, -richtung, unsere Geschwindigkeit, sind andere Schiffe in der Nähe?), den Batteriemonitor (noch genug Saft ?- entfällt beim Motoren), mache draußen einen schnellen Rundumblick (es haben ja leider nicht alle Schiffe aktives AIS, Segelstellung etc.) und falle dann sofort wieder in Schlaf, gegen morgen auch tatsächlich sofort in Tiefschlaf. Diese Fähigkeit trainiert man sich nach einigen Tagen auf See an. Wäre eigentlich auch für Flüge, Zugfahrten und lange Besprechungen ganz praktisch… (ich arbeite noch an der Tarnung). Wenn man wegen des Wetters die ganzen Wachen voll konzentriert sein muss, ist man am nächsten Morgen (nach netto etwas 4 Stunden Schlaf) ziemlich gerädert. Und es wird nicht besser, zumindest als Zwei-Mann/Frau-Crew mit Kindern, die sich dann an’s Frühstück und die Schulbetreuung usw. begeben muss.
Seit 0600 Uhr segeln wir wieder. Zwar nicht so schnell, aber stetig geht es unserem Ziel entgegen. Heute würden wir sowieso nicht gerne ankommen, es hat 35 kn Wind mit Böen bis zu 50 kn auf den Azoren! Da bleiben wir lieber noch 650 nm entfernt. Wobei, die Hubschrauberreichweite von den Azoren beträgt wohl 400 nm, innerhalb dieses Radius zu sein, wäre komfortabel.
Heutiges Etmal: 113 m.
Keine Fische gefangen. Eine Seeschwalbe und fünf Delphine gesehen. Und jede Menge Portugiesische Galeeren.

12. Tag, Sonntag,  28.05.2017

Markus: Abends und in der Nacht frischt der Wind auf, 19-24 Knoten, raumer Wind von Steuerbord, für uns gut, Wellen noch ok.  Wir werden schneller und erreichen mal wieder „normale“ Geschwindigkeiten um die 6 – 7 Knoten. Die aktuelle Windvorhersage bis Horta ist gut, ordentlicher Wind bis immerhin Dienstag, dann kaum Wind mehr. Würde heißen bis Dienstag segeln und dann noch ca. 2 Tage bis Donnerstag/Freitag motoren, dann sollten wir da sein. Dafür hätten wir noch genug Diesel im Tank. Dienstag könnte aber auch, wenn wir Pech haben, eine Starkwindfront kommen. Müssen wir weiter beobachten.

Auf dem Nordatlantik reiht sich – wie Perlen an der Schnur – ein Tiefdruckgebiet an das Nächste. Sie ziehen immer auf derselben Route, von Nordamerika über die Azoren (oder nördlich daran vorbei) nach Nordeuropa. Bei uns daheim sind das dann die „atlantischen Tiefausläufer“, die unser Wetter nicht immer angenehm machen. Im Sommer verlagert sich das Azorenhoch, ein Hochdruckgebiet, das in der Regel etwas weiter südlich zwischen den Bermudas und den Azoren liegt, weiter nach Norden. Die Tiefdruckgebiete werden dann weit nach Norden abgedrängt und erreichen uns nicht mehr, wir haben Sommerwetter.

Über uns ziehen also im Moment die Tiefdruckgebiete hinweg. Das Wetter ist dabei in etwas so: Im Tiefdruckgebiet starker Wind, hohe Wellen, teilweise Regen. Segel reffen und durchhalten, durchkommen, ist angesagt. Dann folgt eine kurze Periode mit gutem Segelwind. Der Wind wird schwächer und es folgt eine Flaute. Schließlich geht das ganze Spiel wieder von vorne los mit dem nächsten Tief.  Der Wind dreht dabei mit den Tiefdruckgebieten. Für uns heißt das, dass wir häufig Segelstellung und Größe verändern müssen. Bullenstander an den Großbaum anbringen, Baum nach Backbord, Genua an Spinnakerbaum ausbaumen, Segel reffen, Segel einholen, Motor an, Segel wieder raus, Motor aus, Großbaum nach Backbord ausbaumen mit Bullenstander, Genua an Spinnackerbaum nach Backbord u.s.w. Anstrengend ist das!

Elke: Hauptsache, das Tiefdruckgebiet am Dienstag bleibt 400 nm nördlich von uns, wie angesagt. Im Kern hat es Wind bis 41 kn mit Böen bis 60 kn, brrr, das wollen wir gar nicht näher kennen lernen. Notfalls heißt es beidrehen und abwarten.

Öfter mal was Neues: Heute beim Frühstück macht es plötzlich „Kongkongkong“ und hört nicht mehr auf. Ist eine Leine los? Nein, das Geräusch kommt von unten. Hat sich etwas um den Kiel gewickelt? Wir nehmen Fahrt aus dem Boot und tatsächlich schleifen wir hinter dem Heck eine rote Leine hinter uns her, die aber zu tief im Wasser liegt, um sie mit dem Bootshaken zu fassen. Eine Unterwasser-Untersuchung mit Oskars Gopro (sehr praktisch!) bestätigt: Es hat sich etwas um den Kiel gewickelt. Wir versuchen zunächst mit einer Halse, den Störenfried loszuwerden. Tut sich nichts. Wir halsen noch einmal und ich entwerfe schon einmal eine Tauch-Burka für Markus, weil als nächstes der Tauchgang inmitten der Portugiesischen Galeeren anstünde. Da taucht hinter dem Heck eine olle Fischerboje nebst roter Leine auf. Puh! Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass uns eine Boje auf dem offenen Atlantik erwischt? Naja, es werden ja auch Leute vom Blitz getroffen. Wir sind froh, dass sich das Problem so einfach erledigt hat und frühstücken weiter. Ansonsten hat es nämlich bestes Segelwetter, raumer Wind mit 19 bis 22 kn und Sonnenschein. Wir kommen gut voran.

Markus:
Das Etmal beträgt 128 Seemeilen. Wir stellen die Uhr um eine Stunde vor. Noch ein weiteres Mal Uhr vorstellen und wir haben die Azoren-Zeit.

Wir segeln den ganzen Tag angenehm weiter. Raumer Wind aus Südwest, 16 -22 Knoten, die Sonne scheint und wir kommen gut voran. Wir backen zwei Brote. Auch Abends und in der Nacht bleibt der Wind. Andere Schiffe haben wir heute nicht gesehen.