Back to Europe III: Bericht von Bord auf dem Weg zu den Azoren

1. Tag, Mittwoch, 17.5.2017

Elke: Es geht wieder los! Wir wäre gerne noch länger auf den gastfreundlichen Bermudas geblieben, aber mit der ARC geht es Schlag auf Schlag weiter, was ja auch gut ist. Um 10.15 Uhr legen wir ab und um 11.10 Uhr kurz nach Startschuss überqueren wir die Startlinie. Leider hat es wenig bis gar keinen Wind, wir motoren daher gen Nordosten. Einige Boote haben sich direkt für einen östlicheren Kurs entschieden, wir auf Rat von Wetterwelt (wir haben eine telefonische Wetterberatung in Anspruch genommen) für einen nördlicheren Kurs, weil wir ab ca. 35. Breitengrad dort mit Wind rechnen können.

Die See ist ruhig und die Sonne scheint. Kurz hinter Bermuda bemerken wir viele kleine durchsichtige bis zartrosa Segelchen im Wasser.  Es handelt sich um Portugiesische Galeeren, eine Quallenart mit sehr langen Nesselfäden, deren Berührung äußerst schmerzhaft ist.  Na gut, wir wollten hier sowieso nicht so gerne schwimmen gehen. Sonst passiert nichts Bemerkenswertes, Fisch fangen wir natürlich wie immer nicht. Zum Abendessen gibt es statt dessen asiatische Gemüsepfanne, lecker.

Nach unserer Wochentour nach Bermuda sind wir immer noch an das Leben auf See gewöhnt, aber haben uns auch in den vier Tagen auf Land gut ausgeruht.  Ein angenehmer Zwischenstopp. Nachdem Markus auf Bermuda Dieselfein- und –vorfilter  gewechselt hat, läuft der Motor wieder rund. Und der alte analoge Laderegler, den Markus wieder eingebaut hat, tut seinen Dienst und lädt die Batterien gleichmäßig, ohne dass sie zu heiß werden. Wir haben 210 l Diesel im Tank und 240 l Diesel in Kanistern dabei (Markus neues Hobby: Dieselkanister in der Chandlery kaufen. So viel kann ich gar nicht nach Taschen oder Schuhen gucken, wie wir uns Kanister angeguckt und gekauft haben). Wir sind also gewappnet.

Es gibt sehr viele Sterne zu sehen, der Halbmond geht erst spät auf. Wir kommen uns sehr klein vor auf dem riesengroßen und dunklen Atlantik. Glücklicherweise sind wir nicht allein, die Nalu fährt wieder mit uns und außerdem die Mila II, ein Boot aus Prag, und die Ijsbjörn aus den USA.

2. Tag, Donnerstag, 18.5.2017

Elke: Unser Etmal beträgt 115 nm, wir motoren halt leider nicht so schnell. Mit unserer Geschwindigkeit unter Motor sind wir gar nicht mehr zufrieden, wir haben schon auf dem Weg nach Bermuda bemerkt, dass wir viel langsamer als vergleichbare Boote sind und auch viel langsamer als wir es sein sollten. Denn Motorleistung haben wir genug  (Volvo Penta 40 PS). Wir führen das schon auf den recht abgenutzten Faltpropeller zurück und liebäugeln damit, ihn in Portugal gegen einen neuen Festpropeller (mit Ropecutter) einzutauschen. Davon haben wir jetzt aber leider nichts.

Der 2. Tag beginnt wie der erste aufgehört hat, mit wenig Wind und viel Sonne.  Nach dem ersten Tag Schonfrist auf See triezen wir beide Kinder mit Mathematik, die Bordschule hat wieder begonnen.
Beim Einfüllen mehrerer Dieselkanister sehen Markus und ich einen großen grauen Körper vorbeigleiten. Ein großer grauer runder Kopf hebt sich immer wieder aus dem Wasser. Die Kopfform ist unverkennbar, das kann nur eine Schildkröte sein! Aber hier draußen und so groß? Das Tier war sicher 3,50 bis 4 m lang. Wir schauen nach, es muss sich um eine Lederschildkröte handeln, die bis zu 800 kg schwer werden können. Leider sind sie auch vom Aussterben bedroht. Wahrscheinlich verfolgt und vertilgt die Schildkröte die unzähligen Portugiesischen Galeeren. Was für eine schöne Begegnung!

Oskar: Heute hab ich (wie jeden Morgen) meine Angel (Handrolle) ausgeworfen. Leider hab ich noch nie was gefangen, obwohl ich nach den Angelbüchern alles richtig mache. Genügend Leine raus, richtige Köder, Ruckdämpfer richtig, sogar eine Alarmanlage hab ich gebaut, aber bei mir will einfach nichts anbeißen! Ich hab unendlich viele Köder gekauft (und benutzt), aber es hat trotzdem nichts gebracht. Naja, der Tag ist noch nicht zu Ende! Heute werde ich etwas fangen (hoffentlich)!

Markus: Kurz vor dem Abendessen sehen wir Delphine. Es sind drei Tiere, grau mit hellgrauen Tupfern. Sie spielen um den Bug unseres Schiffes herum. Wir freuen uns!

Abends machen wir den Motor aus, der zur Unterstützung der Segel mitgelaufen ist. Die Ruhe ist sehr angenehm. Wir sind aber langsam, ca. 4 – 4,5 Knoten, immer noch wenig Wind.

Nachts wird es spürbar kälter. Vorbei ist die warme Karibikzeit, in der wir Tag und Nacht Shorts und T- Shirts und keine Schuhe getragen haben.

3. Tag, Freitag 19.05.2017

Markus: Es hat sich zugezogen; keine Sonne mehr, dafür Wolken. Wir nähern uns dem 35. Breitengrad Nord. Der Wind ist weiterhin recht schwach, 3 – 4 Beaufort, Raum bis achterlich, nicht genug um über 5 Knoten zu fahren.

Elke: Also wieder Motorunterstützung. Dafür scheint ab mittags die Sonne. Und nachdem wir das Großsegel mit dem Bullenstander gesichert und das Vorsegel ausgebaumt haben, können wir unter Passatbesegelung wieder ausschließlich segeln. Welch angenehme Ruhe. Wir brechen zwar keine Geschwindigkeitsrekorde (4 kn…), sind aber zufrieden. Der Weg bis zu den Azoren ist noch weit (1550 nm) und unser Dieselvorrat begrenzt.
Heutiges Etmal: 113 nm. Nicht toll, aber angesichts der leichten Winde o.k.
Wir finden einen kleinen toten Oktopus auf Deck, den Oskar direkt als Köder verwendet. Und wirklich holt Oskar ihn abends halb durchgebissen aus dem Wasser, leider fehlt die Hälfte knapp unterhalb des Hakens. So dumm sind die Fische hier anscheinend nicht, deshalb verschmähen sie wahrscheinlich unsere künstlichen Köder (die zugegebenermaßen ziemlich unecht aussehen).
Die Nacht ist sehr dunkel und friedlich. Wir gleiten mit mittlerweile wieder akzeptabler Geschwindigkeit von 5 kn dahin. Leider ist das AIS-Signal der Nalu nicht mehr zu sehen. Gelegentlich sehen wir das Signal der Ocean Gem und eines niederländischen Nicht-ARC-Schiffes. Und ab und zu das Signal eines einsamen Frachters.

4. Tag, Samstag, 20.5.2017

Elke: Im Laufe des Vormittags segeln wir in eine freundliche Strömung, die uns beachtlich vorwärts schiebt. Mit 13 bis 15 kn Wind erreichen wir enorme 7 bis 8 kn! Wir sind begeistert! Schönstes Segelwetter, kaum Welle von hinten und wir kommen voran! Nachdem der Wind nachmittags auf 20 kn auffrischt und wir mit bis zu 9 kn (11 kn beim Surfen!) dahinzischen, reffen wir schweren Herzens. Auf Dauer wollen wir das dem Autopiloten nicht zumuten.
Das Etmal beträgt erfreuliche 131 nm.
Sonst passiert nichts Bemerkenswertes. Es gibt Mamas Chili sin Carne. Ein paar Portugiesische Galeeren und zwei Vögel kommen vorbei. Wie immer kein Fisch am Haken. Dazu äußere ich mich einfach nicht mehr.
Wir funken mit der Ocean Gem, die kurze Zeit später leider vom Plotter verschwindet. Jetzt haben wir gar kein AIS-Signal mehr auf dem Schirm, schade.

5.Tag, Sonntag, 21.5.2017

Markus: Wir warten auf die angekündigte Winddrehung gen Norden. Nachts um drei Uhr macht sie sich plötzlich bemerkbar. Und zwar sehr plötzlich: Erst gibt es ordentlich Wind mit 7 Bft von West, dann innerhalb von Sekunden einen Dreher auf Nord, Starkregen und wenig Wind. Es wird erheblich kälter. Zum ersten Mal seit langem habe ich wieder das Ölzeug angezogen. In dieser Nacht gab es wenig Schlaf. Definitiv ist das hier nicht mehr die Barfußroute.

Das heutige Etmal: 131 nm. Schön!

Elke: Der Tag ist dann schön, mit Sonne und moderaten Winden bis 18 kn. Wir spielen Maumau und Uno und bewundern Oskars Atomkraftwerke-Quartett (sehr lustig, vor allem, wenn man mit den meisten Störfällen gewinnt). Für heute Nacht ist wieder stärkerer Wind bis 25 kn mit Böen bis 30 kn angesagt, deshalb weichen wir etwas nach Süden aus.  Aber nur wenig bis 35 Grad 30 Nord, denn die preisgegebene Höhe müssen wir uns ja wieder hocharbeiten. Unser Ziel Horta auf Faial liegt auf 38 Grad 32 Nord und 28 Grad 37 West.

An der Angel hängt wiederum kein Schuppentier, aber darüber spreche ich ja nicht mehr.

In der Nacht kommt der angekündigte Starkwind: 22kn bis 29 kn, Böen bis 34 kn, dazwischen immer wieder schwächerer Wind um 16 kn. Wellen um 5 m. Puh, reffen, ausreffen, reffen… ganz schön anstrengend.  Aber unser guter Autopilot meistert jede noch so hohe Welle mit Bravour. Wir versuchen, ihm nicht zu viel Druck zuzumuten und haben dementsprechend wenig Segelfläche: Großsegel im 3. Reff und ein Gästehandtuch Genua (manchmal auch ein Handtuch, aber auf gar keinen Fall ein Badetuch). Deshalb sind wir nicht besonders schnell, 4 bis 5 kn. Aber wir bewegen uns stetig gen Osten.

5. Tag, Montag, 22.5.2017

Elke: Es geht so weiter. Viel Wind, viel Welle. Aber im Hellen sieht die Welt schon anders aus. Wobei, diese Wellen, die da von achtern angerauscht kommen, möchte ich eigentlich lieber nicht sehen. Gut 5 m hoch kommen sie angerollt und bäumen sich hoch über dem Heck auf. Während man sich noch fragt, ob das wohl gut geht, geht schon elegant das Heck unserer Diana in die Höhe und sie surft die Welle hinunter.  Die Schräglage gleicht der Autopilot bis zur nächsten Welle aus. Ab und zu erwischt uns ein dicker Brecher von der Seite, aber dank Markus Schottbrett aus Madeira hält sich der Wassereinbruch im Salon in Grenzen. Im Cockpit ist es allerdings sehr nass. Und es wird kalt.
An Angeln ist bei dem Wetter nicht zu denken (wenn es eh nicht geht, kann man ja drüber schreiben ). Ich glaube, sämtliche Fische haben sich lieber einige Etagen tiefer verzogen als sich diesen Vollwaschgang anzutun.
Das heutige Etmal: 119 nm.

Oskar: Heute ist viel Wind. Deswegen machen Nestor und ich unsere „Sturmtaktik“. Ins Bett legen und Ipad spielen.
Elke: Ausnahmsweise genehmigt

Markus: Im Schiff kommen wir uns vor wie in der Waschmaschine. Ständig spült Wasser über die Luken und Fenster. Es ist laut. Es finden sich immer mehr feuchte Stellen im Schiff, vor allem an den Fenstern. Heute Abend oder in der Nacht soll der Wind abnehmen. Noch merke ich nichts davon, gerade (16:30 Uhr) hatte es eine Bö mit 34 Knoten = 8 Windstärken. Hoffentlich hält unser Autopilot der Belastung auf Dauer stand. Ich habe kurz versucht, selbst von Hand zu steuern, das ist ungeheuer anstrengend, das Schiff bei der Bewegung  auf Kurs zu halten. Faszinierend, wie der Autopilot stur den eingestellten Kurs fährt. Von 13 Uhr bis 15 Uhr habe ich Schlaf nachgeholt. Jetzt ist Elke dran. Die Jungs liegen auf den Salonsofas und lesen/spielen IPad. Ich habe keine Lust auf eine weitere Sturmnacht. Ich krabbele nach hinten in den Technikraum, der kein Raum ist, sondern eine 60 cm hohe Kammer.  Bei plötzlichen Ruderbewegungen hatte ich ein Geräusch gehört. Dort überprüfe ich alle Verbindungen der Ruderanlage und des Autopiloten. Alles fest. Überprüfen beruhigt mich.

Elke: Im Schiff ist es eigentlich ganz gemütlich, wenn uns nicht gerade eine Welle richtig durchschüttelt. Dann heißt es, irgendwo sehr gut festhalten und abwarten. Auf diesem Törn ist noch keiner durch’s Schiff geflogen. Ich erinnere mich aber gut daran, wie ich auf dem Hinweg am Kartentisch sitzend dachte, ich hätte mich ja gut an die Schaukelei gewöhnt ,und mich dann Sekunden später an die Badezimmertür geschmettert wiederfand.  Aber mittlerweile sind uns gute Seebeine gewachsen.

 

Position am 23.5.17

Ein Gedanke zu „Back to Europe III: Bericht von Bord auf dem Weg zu den Azoren“

  1. Hallo Ihr Lieben,

    Wir fühlen mit Euch und beobachten „Euer“ Wetter immer sehr aufmerksam. Fast schon haben wir ein schlechtes Gewissen, dass wir uns bei angesagten 6-7 bft auf den Bahamas in einem Hurrican-Hole verstecken. Das ist ja nichts gegen das, was Ihr da aushaltet. Wir drücken Euch die Daumen, dass Eure Moral weiter so standfest bleibt.

    LG Von der Step By Step 2
    Anja, Andre und Robin

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